Archiv der Kategorie: Rund um Spitzbergen

Captain ´s Farewell

Wir haben in den zurückliegenden 12 Tagen eine sehr persönliche Betreuung von einem stets gut gelaunten und engagierten Team an Bord erlebt. Gestern Abend durften wir erleben, dass sich auch das Team hinter den Kulissen offensichtlich wohl fühlt an Bord und für einen großen Spaß zu haben ist. Auf dem Programm stand die Band „80 Degree North“. Es war erst ihr zweiter Auftritt und wir sahen unseren Kabinsteward, den Zodiac-Fahrer, einen ersten Offizier und die Hotelchefin an den Instrumenten, der charismatische Sänger bedient uns sonst im Speisesaal. Innerhalb von Minuten hatten sie das Publikum auf ihrer Seite, es gab Szenenapplaus und Jubel nach jedem Stück. Einige hielt es nicht mehr auf den Sitzen, der Rock´n Roll ist unserer Altersklasse eben in Fleisch und Blut übergegangen. Nach einer guten halben Stunde war es vorbei, mehr Stücke hatten sie noch nicht einstudiert. Ein Riesenspaß für die gesamte Crew und uns Gäste.

Es war sehr angenehm, dass wir eine überschaubare Reisegruppe von rund 150 gleichgesinnten Reisenden waren, Naturliebhaber und Fans von nordischen Temperaturen. Wer tiefer eintauchen wollte, konnte sich dem Wissenschaftsteam anschließen, Wasserproben nehmen und unter dem Mikroskop untersuchen. Das Expeditionsteam bestand aus Biologen, Glaziologen, Ornithologen, Meereskundler oder Studenten dieser Fachrichtungen. Unsere Fragen konnten wir immer loswerden.

Der Kapitän hatte sich für den letzten Abend noch eine Überraschung ausgedacht: er ließ ein Farewell Dinner ausrichten, mit einem besonderen Menü. Und das Schiff legte er direkt vor einen Gletscher und drehte es so, dass wir vom Speisesaal aus den Gletscher gut sehen konnten. Danach noch auf ein Sekt in der Explorer Bar und die gesamte Crew zeigte sich noch einmal ausgelassen beim Vorbeimarsch.

Es war insgesamt eine wunderbare Reise in eine abgelegene Gegend, wo sich sonst niemand verirrt, etwa 800 Kilometer vom Nordpol entfernt. Wir haben so viele Gletscher gesehen, dass wir sie nicht mehr zählen können. Das Highlight sind ja immer die Eisbären und auch die konnten wir aus sicherer Entfernung beobachten. Zudem war noch eine Walbeobachtungstour dabei. Unser Fazit ist: eine unvergessliche Reise mit einem engagierten Team, nicht ganz billig, aber seinen Preis wert. Hurtigruten können wir uneingeschränkt empfehlen.

Jetzt legen wir erstmal eine Pause ein und verarbeiten die Eindrücke aus dem Reisejahr 2022. War wieder schön, euch dabei gehabt zu haben und danke für euer Kommentare.

Flughafen Longyearbyn, ein letzter Blick und dann zurück ins warme Deutschland

Wasserfall in Hemsedal

Es ist etwas wärmer geworden, so um die acht Grad, aber noch immer hängen tiefe Wolken über Spitzbergen. Unser Landgang führt uns heute in den Isfjord zum Hemsedal. Eine kleine Schlucht mit Wasserfall überrascht uns mit viel Grün, bei jedem Schritt sinke ich tief ein in weiches Moos. Die geologischen Formationen ringsum machen sich gut auf den Fotos und ein bewölkter Himmel kann auch zur Dramatik beitragen. Heute ist der letzte Tag auf dem Schiff, es wird schon wieder viel zu viel über Koffer geredet, Busse zum Flughafen und so weiter, das mag ich noch gar nicht hören. Das Erkunden dieser dramatischen und archaischen Landschaft kurz vor dem Nordpol hätte ruhig noch ein wenig weitergehen können, der ganze Archipel ist ein einziger Naturpark. Also sitze ich hier in der Explorer Lounge und genieße den 180 Grad Rundumblick, solange es geht. Alles andere ist ja erst morgen.

Das stammt von Eisbären, aber natürlich dürfen wir das nicht anfassen, aber fotografieren

Gletschereis und Bärenspur

Die Wettervorhersage ist nicht ganz optimal, bewölkt und eventuell etwas Regen. Aber wir haben Glück, als unsere Gruppe aufgerufen wird, ist es zwar trübe, aber trocken. Wir können ganz nah an den Gletscher herangehen und uns zwischen den Eisbrocken tummeln. Aber die Gefahr lauert immer und überall: wir sollen nur den linken Teil des Geländes betreten, rechterhand wird etwas beobachtet, was noch nicht identifiziert wurde. Im Falle einer drohenden Gefahr würde die Expeditionsleiterin ihre Trillerpfeife einsetzen. Diese hören wir heute nicht, aber im nassen Sand sind eindeutig Spuren eines Eisbären zu erkennen. Die fotografiere ich gerne, den Eisbären selbst brauche ich nicht so nahe am Strand.

Er war hier – ganz sicher!

Am Nachmittag gehen wir noch einmal an Land, wir können im flachen Gelände ausgiebig spazieren gehen. Am Strand liegt noch ein Boot von Walfängern, die hier im letzten Jahrhundert Belugas jagten, einen Walfriedhof gibt es auch, die Knochen gehören zum Naturschutz und dürfen nicht berührt werden. Obwohl die flache Ebene kaum bewachsen ist, finden sich niedrige Flechten und winzige Pflänzchen, die noch winzigere Blüten von etwa fünf Millimeter Größe ausbilden. Macht Spaß, die zu fotografieren, was gar nicht so einfach ist. Man muß sich dazu auf den Boden legen und braucht etwas Zeit, bis alles richtig im Sucher zu sehen ist. 

Der Guide muß sehr aufmerksam sein, links sieht man die Signalpistole und rechts das Gewehr

Wettlauf mit dem Nebel

Nebel hüllt uns ein, so dicht, dass man rund ums Schiffs nichts wahrnimmt. Aber beim Frühstück werden wir von einer wunderbaren Rundumsicht überrascht, wir liegen in einer Bucht vor Anker, die von Gletschern eingerahmt ist. Der Nebel hat sich nicht ganz verzogen, er gibt aber die Wasserlinie frei und die Gletscher lugen zur Hälfte aus dem Nebel. Es ist windstill bei 4 Grad und noch stört kein Eisbär die Vorbereitungen an Land. Das Expeditionsteam hat zwei kleine Wanderungen vorbereitet, wir können wählen ob wir den Gletscher zur Rechten oder den zur Linken besuchen wollen. Wir laufen nach links auf eine Endmoräne und hoffen auf einen schönen Ausblick zum nahegelegenen Gletscher. Bis wir auf der Anhöhe ankommen, liegt der Gletscher völlig im Nebel. Wir haben Zeit und hoffen, dass es die fahle Sonne über uns schafft, den Nebel zu lichten. Nach einer halben Stunde geben wir auf, der Nebel wird immer dichter, keine Chance auch nur irgendetwas zu sehen. Zurück am Anlandeplatz hat sich wie von Zauberhand der Nebel gelüftet und der Gletscher liegt leuchtend in der Sonne. Dazwischen lag keine Viertelstunde. So schnell ändern sich hier die Wetterkonditionen. Also schnell nochmal zurück und den Fotoapparat gezückt.

Der Rückweg zum Gletscher hat sich gelohnt

Wir fahren nur ein Stück mit unserem Schiff bis zu einem Vogelfelsen, wir stehen auf Deck und staunen über die tolle Rundumsicht. In die Burgerbucht münden mindestens fünf Gletscher und alle liegen fein im Licht, Sonne und Nebelreste wechseln sich ab. Die nächste Anlandung ist an einem Vogelfelsen geplant, nur etwa 20 Fahrminuten von der letzten Stelle entfernt. Ohne Vorwarnung, ganz plötzlich, ist das ganze Schiff in Nebel eingehüllt. Eben haben wir noch die schönsten Fotos vom Deck aus geschossen, und jetzt sieht man – nichts! Wir warten eine halbe Stunde direkt vor dem Felsen, ohne ihn zu sehen. Dann wird die Exkursion abgesagt, der Kapitän will jetzt mit uns zu einer Stelle fahren, wo sich gewöhnlich viele Wale aufhalten.

Am Kap Lee

Wolkenloser Himmel beim ersten Blick aus dem Kabinenfenster, doch das ändert sich. Bis wir an Land gehen können, sind Wolken aufgezogen, einen Streif schönen Wetters sehen wir nur nochmal Horizont. Es ist windiger als gestern und für die Überfahrt mit den Schlauchbooten zur Landungsstelle ziehen wir über unsere Outdoorhosen noch eine wasserdichte Hose. Wir mutieren langsam zum Michelinmännchen. Aber ich war doch froh über den Überzug, denn ein paar heftige Wellen haben uns eine unfreiwillige Dusche verschafft. 

Interessanter Landgang, wir konnten bis auf 50 Meter an eine Robbengruppe herangehen und in Ruhe fotografieren. In der Bucht liegen unzählige Knochen von Walen herum, die von den Walfängern einfach liegen gelassen wurden. Ihre Hütten werden heute als Ferienhäuschen genutzt. Ich fotografiere wieder winzig kleine Blümchen, die fast ohne Stil auskommen müssen, sie sind nur etwa zwei Zentimeter groß.

Die zweite für den heutigen Tag geplante Anlandung muss leider kurzfristig abgebrochen werden. Das Expeditionsteam war dabei, alles für unseren Landgang vorzubereiten, als ein Eisbär gesichtet wurde. Ich hatte mich gerade in die dritte Hose gequält und war dabei, alles in den Schaft der Gummustiefel zu stopfen, als die Durchsage kam. Also alles wieder ausziehen und ab und die Explorer Lounge mit dem tollen Rundblick. Die Sicht ist allerdings nicht mehr gut. Die Wolken hängen tief und lassen dem Sonnenlicht keine Chance. Weit entfernte Gletscher verschwimmen im Ungewissen. 

Von der Weißen Insel zu den Walen

Wir erreichen die Insel Kvitöya, sie liegt nordöstlich von Nordaustlandet und wird relativ selten von Touristen besucht. Übersetzt heißt Kvitöya „Weiße Insel“. Wie vermutet, können wir nicht anlanden, weil die Insel komplett unter Eis liegt und der schmale eisfreie Bereich meist von Eisbären belagert wird. Wir fahren mit den Zodiacs so nah wie möglich an die Landzunge heran und können zwei Eisbären beobachten, die die meiste Zeit schlafen, einer von ihnen bewegt sich kurz, um aus unserem Blickfeld zu verschwinden. Walrosse vergnügen sich im Wasser und bieten ein schönes Fotomotiv. Wir sind pünktlich zum Mittagessen zurück. Eine Gruppe bekommt noch eine Extrarunde, weil ihr Schlauchboot auf einen Felsen aufgelaufen ist und abgeschleppt werden musste. 

Es macht nichts, wenn ihr eine Lupe zur Hilfe nehmt, um den Eisbären zu sehen.

Am Abend ist geplant, entlang der Eisküste von Nordaustlandet entlang zu fahren und am Brasvellbreen zu cruisen, das fällt leider aus, wegen zu viel Eis. Das leuchtet uns nicht ganz ein, denn das drittgrößte Eisfeld nach der Antarktis und Grönland hätten wir schon ganz gern gesehen, zumindest eine Fahrt möglichst nah an das Eisfeld heran. Und unser Schiff besitzt ja eine Eisklasse, sollte eigentlich bis zu einem gewissen Grad mit Eis zurechtkommen. Leider sind wir mit großem Abstand an der Küste entlang gefahren, die Sicht war zwar nicht besonders gut, aber aus geringerer Entfernung hätten wir schon einen guten Eindruck gewinnen können. So bleibt als Erinnerung an diesen Tag vor allem die Begegnung mit Meeressäugern. Als rings um unser Schiff Wale auftauchten, hielt unser Schiff an und wir konnten ausgiebig Buckelwale und Minkwale beobachten, die hier reiche Futtergründe finden. Die Wolkendecke wurde durchlässiger und die tiefstehende Sonne taucht die Szenerie in gelbes Licht, toll für Fotos und Filmaufnahmen.

Mein Traumbild: die Fluke eines Buckelwals

Hier winkt er nochmal mit der Brustflosse

Der Blas verrät sie, den sieht man auf dem Meer meilenweit

Eisbäralarm

Das Programm für heute: Vormittags Anlandung an einer Bucht auf der Insel Philippsöya mit der nördlichsten Hütte und nachmittags Schiffscruising entlang der Nordküste von Nordaustlandet. Aber es sollte ganz anders kommen! Die ersten Gruppen waren an Land und wir haben uns gerade umgezogen, denn nach den ersten Rückkehrern wären wir an der Reihe gewesen. Plötzlich macht ein Gerücht die Runde, dass bald zur Gewissheit wird: Eisbären haben sich unserer Gruppe an Land genähert, und zwar von zwei Seiten. Warnschüsse sind zu hören und sämtliche verfügbaren Boote rasen zum Strand, um zu evakuieren. Die Bären verziehen sich nach den Warnschüssen und im Nu sind alle Passagiere in den Booten und die Expeditionscrew räumt noch das Equipment ein und ist dann auch in Sicherheit. Wir konnten das alles vom Boot aus mit dem Fernglas beobachten. Und natürlich ist unser Landgang damit ausgefallen. Ein Eisbär taucht später wieder auf, er nimmt Witterung auf und schnüffelt noch lange an der Landestelle herum, bestimmt kann er die Besucher noch riechen.

Am Nachmittag fahren wir in die Albertinibukta. Eine Anlandung ist nicht vorgesehen, wir kreuzen vor dem Gletscher und setzen unsere Fahrt bald fort, Nebel zieht auf.

Dies ist ein Suchbild. Wer gute Augen hat, erkennt links die Hütte und rechts den Eisbären, der trotz Warnschüssen wieder zurückgekommen ist.

Von Texas nach Monaco

Wir sind in den Liefdefjord gefahren, die Hauptattraktion ist hier der Monaco-Gletscher, er steht heute Nachmittag auf dem Programm. Jetzt werden wir zur einer Holzhütte gebracht, die sinnigerweise „Texas Bar“ heißt, vermutlich war der Erbauer ein Cowboy-Fan. Wer es am Vormittag verträgt, bekommt einen Whiskey auf Gletschereis, aber ich fotografiere lieber zentimetergroße Blümchen. Dazu muss man wissen, dass es aufgrund der kurzen Vegetationsperiode kaum Pflanzen auf Spitzbergen gibt, die höher als fünf Zentimeter werden. Umso mehr überrascht es, wenn auf einmal winzig kleine Pflänzchen am Wegesrand auftauchen, die wunderschöne Blüten ausbilden. Diese Fotos muss man sich allerdings verdienen, es geht nur, wenn man niederkniet oder sich hinlegt, aber das ist in Ordnung, die Expeditionskleidung hält das aus.

Nach dem Vortrag eines Glaziologen werden wir mit den Booten nahe an den Monaco-Gletscher herangefahren. Je näher wir kommen, desto dichter werden die Eisschollen. Ich wundere mich, wie viel diese Schlauchboote aushalten, denn ein Anstoßen an die scharfkantigen Eisbrocken lässt sich nicht vermeiden. Vor uns rumpelt und grummelt das Gletschereis, aber noch bleibt alles stabil an der Eiswand. Wir halten genügend Abstand, denn es können jederzeit größere Brocken herausbrechen und dies kündigt sich nicht unbedingt durch ein entsprechendes Geräusch an. Plötzlich bricht ein Stück aus der Eiswand heraus und platscht ins Wasser, wir spüren die Wellenbewegung. Noch zwei, dreimal löst sich ein Eisbrocken und wir nehmen etwas mehr Sicherheitsabstand, denn auch die Wellen, die durch den Eisbruch ausgelöst werden, können unser Boot zum Schwanken bringen. Wir sitzen ja alle ohne Rückenlehne auf dem Rand des Bootes, da bekommt man schonmal leicht Übergewicht und kippt nach hinten. Wir haben ja alle Schwimmwesten an, aber in zwei Grad kaltes Wasser möchten wir lieber nicht plumpsen.

Der Monaco-Gletscher ist mehr als drei Kilometer breit und die Eiskante ist zwischen dreißig und sechzig Meter hoch. Immer wieder schaue ich mir die bläulich leuchtenden Skulpturen an, die der Gletscher erschaffen hat. Wenn die Brocken ins Meer gefallen sind, lassen sich die Eisschollen wie in einem Skulpturengarten bewundern. 

Landung mit Hindernissen

Langsam wird das Ankleiden vor einer Landexpedition zur Routine. Die Reihenfolge ist wichtig, sonst muss man wieder von vorne anfangen. Also zuerst die Thermounterwäsche, dann die dicken Socken, dann Hose und atmungsaktives Oberteil, darüber kommt Fleece, Schal und dann die rot-gelbe Expeditionsjacke. Wenn man jetzt erst die Gummistiefel anzieht, die Pflicht sind an Land, ist man schweißgebadet, in diese also gleich nach der Hose hineinschlüpfen. Die Jacken bekommen wir geschenkt und ich denke, sie dient in erster Linie dem schnellen Auffinden der Gruppe an Land. Irgendwie erinnert das rot-gelbe Outfit auch an Sanitäter. Zurück zum Anziehen, es folgen die Kopfbedeckung und die Rettungsweste. Diese ist nicht sehr sperrig und muss während des gesamten Aufenthaltes an Land getragen werden. Die Rückfahrt muss manchmal schnell gehen, wenn der Eisbär im Anmarsch ist. Dann bleibt eventuell keine Zeit mehr, um an der Schwimmweste zu nesteln. Die Reederei hat praktische Westen besorgt, sie tragen nicht sehr auf und man vergisst, dass man eine Schwimmweste anhat.

Wir schauen gern vom Oberdeck zu, wie die ersten Gruppen zu Wasser gelassen werden, denn wir sind Gruppe drei. Heute kam der gesamte Ablauf durcheinander, weil wir nicht an Land durften, tatsächlich konnten wir von Bord aus eine Eisbärin mit ihrem Jungen beobachten. Waren ziemlich weit weg, aber mit Fernglas sehr gut zu beobachten. Das bedeutete aber auch, kein Landgang möglich. Also haben wir stattdessen eine Rundfahrt mit dem Zodiac gemacht, da waren die Eisbären zwar schon wieder weg, aber dafür konnten wir in Ruhe die gewaltigen Walrosse beobachten, wie sie faul am Strand liegen und sich ab und zu aus dem Wasser wuchten.

Unsere Nachmittagsanlandung führt uns zu einer ehemaligen Walfängerstation. Man sieht nicht mehr viel davon, lediglich zwei Gräber und eine Holzhütte sind zu besichtigen. Das Wetter wird ungemütlich, ein leichter Schneeschauer geht nieder. Die Berge bekommen gezuckerte Spitzen und wir halten uns nicht allzu lange hier auf. Die Schlauchboote fahren permanent hin und her, so kann jeder individuell zurückfahren.

Der erste Gletscher

In Ny Alesund sind wir zum letzten Mal auf dieser Reise zu Fuß vom Schiff gegangen, ab jetzt kommen wir nur noch mit einem Zodiac an Land. Dazu gab es heute morgen eine ausführliche Unterweisung. Jede Anlandung wird vom Expeditionsteam perfekt vorbereitet. Zuallererst fährt ein Team los, das die Umgebung zu Wasser und an Land inspiziert. Es muss sichergestellt sein, dass keine Wildtiere in der Nähe sind. Erst dann kommt das dreizehnköpfige Expeditionsteam mit mehreren Zodiacs an Land und markiert den Bereich, den wir später betreten dürfen. Wir wollen so wenig Spuren wie möglich hinterlassen und kein Tier stören. In einem größeren Bereich um die Anlandungsstelle stehen bewaffnete Posten, wie gesagt, wegen der Eisbären. Mit an Land sind große Zelte, Schlafsäcke sowie Proviant für 24 Stunden. Zur Sicherheit, falls wir nicht zurück zum Schiff kommen können. Es ist eben eine Expedition und es muss an alle Eventualitäten gedacht werden. Aber natürlich wollen wir lieber in unseren gemütlichen Betten schlafen.

Bei Traumwetter werden wir Gruppe für Gruppe mit den Schlauchbooten an Land gebracht. Wir gehen zunächst zum Gletscher, der perfekt in der Sonne liegt. Die Bucht füllt sich mit Eisbrocken, auch wenn wir keinen Abbruch eines größeren Eisstückes an der Gletscherwand sehen. Oberhalb der Klippen staunen wir über die „hängenden Gärten“ und können einen Polarfuchs beobachten.

Das Expeditionsteam mit der Notfallausrüstung für 24 Stunden. Danach müssen wir selber sehen, wie wir klarkommen, meinen sie scherzhaft

Zu Fuß kommen wir dem Gletscher sehr nahe

Mit dem Zodiac kommt die nächste Gruppe an Land

Alternativ kann man sich auch einer Kajakgruppe anschließen

Die sogenannten hängenden Gärten mit einer Vogelkolonie in den Felsen. Hier haben wir einen Polarfuchs gesehen, war aber sehr weit weg und nur im Fernglas gut zu sehen

Der Rückweg wird etwas schwieriger, denn mittlerweile treibt viel mehr Eis in der Bucht als beim Hinweg. Die Boote müssen vorsichtig zwischen den dicken Eisbrocken manövrieren, aber die Guides beherrschen die Boote perfekt, wir haben daher bezüglich einer Übernachtung an Land keine Bedenken. Glücklich und schwer beeindruckt von der arktischen Welt um uns herum desinfizieren wir an Bord unsere schweren Gummistiefel. Die gehören zur Expeditionsausrüstung und werden von der Reederei gestellt. Um zu vermeiden, dass mit den Schuhen Erde und Samen verteilt werden, müssen sie nach jedem Landausflug peinlich sauber sein.

Die letzte kleine Ansiedlung

Über Nacht haben wir Ny Alesund erreicht. Gegründet als Bergbausiedlung, verlassen Anfang der sechziger Jahre nach einem Grubenunglück, dient die Siedlung heute Wissenschaftlern verschiedener Nationalitäten als Station für ihre Forschungen. Auch hier durften wir nur unter der Aufsicht von bewaffneten Guides an Land. 

Übrigens, noch eine Anmerkung zur Terminologie: Spitzbergen ist die größte Insel hier, wenn der gesamte Archipel gemeint ist, heißt dieser korrekt Svalbard. Bei uns ist im allgemeinen Sprachgebrauch jedoch mit Spitzbergen die gesamte Inselgruppe gemeint. Auf norwegisch schreibt man das Spitsbergen, unser Schiff ist also kein Schreibfehler.

Unser Schiff, die MS „Spitsbergen“

Alles was in Spitzbergern älter ist als 80 Jahre, gilt als schützenswertes Kulturgut. So auch diese Eisenbahn, sie diente dem Transport von Kohle von den Minen zum Schiff.

Viele Nationalitäten haben ihre Forschungsstationen hier und sind in den historischen Gebäuden untergebracht.

Die ersten Eisbrocken künden von Gletschern

Einschiffung und Abfahrt

Es hat sich herausgestellt, dass wir doch ab und zu ein Fitzelchen Netz haben, daher kann ich in unregelmäßigen Abständen berichten.

Bevor wir aufs Schiff gehen, gibt es eine kleine Busrundfahrt an den Stadtrand. Dieses Schild markiert eine Grenze, jenseits dieses Schildes sollte man eine Waffe bei sich tragen, denn es kann zu unliebsamen Begegnungen mit Eisbären kommen. Touristen dürfen hier nur mit einem autorisierten Guide unterwegs sein.

Wir haben das Barentz Camp besucht, es wurde errichtet um Touristengruppen in dieser Hütte zu bewirten. Für uns gab es Pfannkuchen mit Marmelade und einen heißen Kaffee vom offenen Feuer. Und einen Vortrag über Eisbären. Draußen patrouillierte eine Wächterin mit Flinte. Ist aber nichts passiert, ist über ein Jahr her, dass hier ein Bär vorbeischaute.

Und dann endlich Leinen los und ab aufs Meer. Das Wetter meint es richtig gut mit uns, wir hatten heute viel Sonne und zusammen mit den Wolken gab es traumhafte Lichtverhältnisse, ein Eldorado für alle Filmer und Knipser. Der Platz in der Panorama Lounge erweist sich als ideal, man hat kurze Wege nach draußen aufs Deck. Gefühlt alle 10 Minuten springt man auf, weil sich gerade wieder ein tolles Motiv durch das Zusammenspiel von Sonne, Wolken und Bergpanorama ergibt.

Ganz knapp haben wir die Mitternachtssonne verpasst, vorgestern ging die Sonne nicht unter, heute verschwindet sie bereits für 70 Minuten. Die Polarnacht kommt mit Riesenschritten. In 10 Tagen wird es schon sechs Stunden dunkel sein.

Norwegen ist noch nicht zu Ende

Wir wollen nun auch den äußersten Norden erkunden. Spitzbergen heißt das Ziel, es hat zwar einen Sonderstatus mit Rechten für die Anrainerstaaten Russland, USA, Kanada, Dänemark, Island und Norwegen, gehört aber verwaltungstechnisch zu Norwegen. Unser Flug von Oslo nach Longyearbyen, so etwas wie die Hauptstadt Spitzbergens, galt als internationaler Flug.

Longyearbyen liegt auf dem 78. Breitengrad von 90 Breitengraden, wobei der 90. Breitengrad bereits der Nordpol ist. So weit wollen wir nicht, aber wenn wir morgen auf das Hurtigruten Schiff „Spitsbergen“ gehen und zu einer 11 tägigen Umrundung des Archipels aufbrechen, werden wir voraussichtlich den 80. Breitenkreis überqueren. So viel Norden war noch nie!

Wir verbringen noch eine Nacht an Land und haben jetzt zum letzten Mal Netz, denn wenn unser Schiff morgen ablegt, beginnt unsere Expeditionsreise in unbewohnte, archaische Naturlandschaften, natürlich ohne Internet. Ich werde mich also erst am 5. September wieder zurückmelden in die Zivilisation. Ein nachträglicher Blog sozusagen. Ihr müsst euch also jetzt etwas gedulden und glaubt mir, wir sind mindestens so gespannt wie ihr. Hier schon mal ein kleiner Eindruck von unserem ersten kurzen Spaziergang durch Longyearbyen.

Gegründet wurde der Ort als Bergbausiedlung, hier wird seit 1905 Kohle abgebaut, allerdings ist heute nur noch eine Mine aktiv, die versorgt in erster Linie das hiesige Kohlekraftwerk und darüber hinaus noch die deutsche Metallindustrie. Dem Stadtbild sieht man deutlich an, dass hier ein langer Winter vorherrscht und lieblich war nur das Wollgrad am Wegesrand. Die Gebäude sind in erster Linie zweckmäßig, es lohnt sich einfach nicht, hier Gärten anzulegen. Lustigerweise steht vor jedem Haus ein Auto, obwohl es keine Straßen gibt, die zu anderen Orten führen, man kann also nur innerorts fahren. Die wenigen ehemaligen Bergbausiedlungen, sind nur per Schiff zu erreichen. Oder über den zugefrorenen Fjord, allerdings ist dies in den letzten Jahren nicht mehr passiert, der Klimawandel hinterlässt hier sehr deutlich seine Spuren.

Im Hintergrund schon der erste Gletscher

Die alte Seilbahn, durch sie wurde die Kohle zum Hafen befördert