Reisen in Zeiten von Corona

Reisevorbereitungen sind für eine Vielreisende wie mich Routine, längst ist die Packliste in Fleisch und Blut übergegangen, der Koffer ruck zuck gepackt. Dann mit dem ICE zum Flughafen, klappt alles wie am Schnürchen, pünktlich und zuverlässig. Wir haben eine individuelle Jordanien-Rundreise gebucht, wollen ein Land bereisen, in dem es derzeit laut offizieller Statistik einen einzigen Corona-Fall gibt. Und die medizinische Versorgung im Land gilt als die Beste im Nahen Osten. Kurz vor dem Check-in Schalter holt uns die Realität ein, unsere Fluggesellschaft Royal Jordanian hat die Rückflüge von Amman nach Frankfurt gestrichen. Wir reisen mit „erlebe Fernreisen“ , haben dort also eine Ansprechpartnerin, die sich umgehend kümmert. Es gäbe wohl eine Alternative mit Turkish Airlines über Istanbul zurückzufliegen. Das wäre in zwei Wochen, wie ist dann die Situation in Europa? Wird Turkish Airlines diese Strecke dann noch bedienen? Wir sind normalerweise nicht ängstlich, doch in diesen Zeiten, wo jeden Tag schlimmere Nachrichten eintreffen, wollen wir nicht heldenhaft sein, wir entscheiden uns für die unserer Meinung nach sichere Variante. Urlaub in den eigenen vier Wänden. Beim Veranstalter hat man Verständnis, wir verabreden eine Verschiebung der Reise, wenn bessere Zeiten kommen.

Ich reise schon immer wahnsinnig gerne, schon als Kind nannte man mich eine „Reisetante“. Ich war vielleicht drei oder vier Jahre alt, als ich alleine mit der Straßenbahn zur Oma fahren wollte. Ich kannte den Weg genau. Mein Vater brachte mich zur Bahn, setzte sich aber heimlich in den zweiten Wagen. Ich stieg natürlich an der richtigen Station aus und lief zum Haus meiner Oma. Doch ich war zu klein, um an den Klingelknopf zu reichen. Ich suchte Hilfe und drehte mich. um. Da sah ich meinen Vater. Es soll sehr lange gedauert haben, mich wieder zu beruhigen.

Später ergriff ich folgerichtig den Beruf der Reiseverkehrskauffrau und für die Reisen nahm ich keine Straßenbahn mehr, sondern immer öfter das Flugzeug. Die Freiheit schien grenzenlos, auch und gerade jetzt, wo ich Rentnerin bin und unabhängig von begrenzten Urlaubstagen. Aber mit der Zeit fühlt sich die Freiheit nicht mehr so unendlich an, der Klimawandel ist mehr als ein Wermutstropfen. Ich habe schon alle Kontinente bereist und viele der „1000 Places to see before you die“ gesehen. Ist es in Ordnung, jetzt so sorglos weiter zu reisen wie bisher? Wann kommen endlich die klimaschonenden Antriebe für Flugzeuge? Kann man fliegen, wenn man die CO2 Kompensation entrichtet?

All das geht mir durch den Kopf, während ich zu Hause die Koffer wieder auspacke. Es juckt mich in den Fingern, nach Last Minute Angeboten zu suchen, aber es fehlt die richtige Lust dazu. Jetzt in den Flieger um mich zu trösten – nein! Mit der Bahn in eine Messestadt, wo so viele Betten leer geblieben sind? Aber jetzt werden überall kulturelle Veranstaltungen abgesagt, sogar Museen geschlossen. Ich habe mich entschieden: erstmal zu Hause bleiben, die Essensvorräte aufstocken (wir haben nie Vorräte daheim, würden schon am dritten Tag verhungern) und dann all die schönen Fotos anschauen, die meine Festplatte füllen. Man kann auch durch das Wiedererleben von tollen Reisen anhand der Fotos schöne Stunden verbringen. Ganz CO2 neutral. Und vielleicht das Reisen später neu erfinden. Aber nach Jordanien wollen wir irgendwann noch, das haben wir mit dem Veranstalter vereinbart.

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3 Antworten zu Reisen in Zeiten von Corona

  1. Frank Falk schreibt:

    Hallo Isa, wie schade und wie schön und treffend geschrieben. Kannst Du sofort in der Zeitung veröffentlichen. Geduld ist angesagt. Hoffen wir das Beste…. Gruß aus dem Homeoffice, Frank

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  2. Roland Simon schreibt:

    Hallo ihr 2 Weltenbummler, es wird auch noch ein Leben nach Corona geben. In der Vergangenheit und den vergangenen Jahrzehnten, Jahrhunderten wurden schon andere Viren, Krankheiten, Epidemien überlebt.

    Liebe Grüße auch von Christina

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  3. rainer schreibt:

    Hallo Isa, das trifft wirklich den Nerv in dieser verrückten und beängstigenden Zeit. Vielleicht denken nun sehr viele über das nach, was du geschrieben hast und das könnte dann das positive sein, was ja jede Krise auch angeblich haben soll.

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